Wie jüdisch war die Wiener Moderne?

12.12.19 – Jüdische Allgemeine.de – Ellen Presser

Der Historiker und Publizist Philipp Blom hielt die diesjährige Yerushalmi Lecture

Für den Historiker Michael Brenner hat die alljährliche »Yerushalmi Lecture« nicht nur fachliche, sondern auch persönliche Relevanz, ist sie doch seinem Doktorvater, dem bedeutenden amerikanischen Gelehrten Yosef Hayim Yerushalmi (1932–2009), gewidmet. Für die Reihe, die von Anfang an von der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützt wurde, konnte dieses Mal ein Referent aus Wien gewonnen werden, der eigentlich aus Hamburg stammt.

Für Brenner gibt es zwischen Namenspatron und Redner eine besondere Brücke, wie er im gut besuchten Uni-Hörsaal zur Einführung verriet. Yerushalmi hatte 1991 eine bemerkenswerte Studie mit dem Titel Freuds Moses. Endliches und unendliches Judentum veröffentlicht. Und der Historiker, Publizist und Übersetzer Philipp Blom hatte einen Vortrag mit dem vielversprechenden Titel »Freuds Lederhosen. Wien um 1900 und die Tücken der Identität« mitgebracht.

ARBEITSFELDER Pointierte Formulierungen, anschauliche Sprachbilder für komplexe Sachverhalte, geschmeidiger Wechsel zwischen Medien, vom Sachbuch über Film und Ausstellung bis zu Festansprachen wie 2018 zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, zeigen die vielfältigen Arbeitsfelder des Referenten.

Eine Phase, die Blom sehr intensiv erforschte, ist die Zeitspanne von 1900 bis 1914 in Europa. Ihr widmete er sein preisgekröntes Buch Der taumelnde Kontinent. Ende des 19. Jahrhunderts, als in ganz Europa Industrialisierung und Technologie auf dem Vormarsch waren, erweist sich Wien aus Bloms Sicht als Sonderfall. Er skizziert das Wachstum der Stadt von einer halben Million Einwohner 1870 auf mehr als zwei Millionen 1918, erläutert, welchen Vorteil volle Bürgerrechte ab 1867 in einem Vielvölkerstaat hatten. Wien habe Talente von außen absorbiert, Wien bedeutete auch für Juden eine enorme Chance.

In seinem Vortrag konzentrierte Blom sich auf die Frage: »Wie jüdisch war die Wiener Moderne?« Antworten suchte er anhand von drei exemplarischen Identitäten, Sigmund Freud, Gustav Mahler und Arthur Schnitzler, und bettete diese ein in seine Erkenntnisse über das Leben in Wien und dessen Wechselwirkung mit der jüdischen Bevölkerung.

VERGLEICHE Statistische Vergleiche führen zu bemerkenswerten Erkenntnissen. Obwohl oft aus denselben Dörfern der habsburgischen Provinz stammend, blieben die einfachen Christen einfache Arbeiter. Die jüdischen Zuwanderer erhofften sich für die nächste Generation Besseres. Gustav Mahlers Großmutter war Hausiererin, sein Vater war Kutscher und Schankwirt, Freuds Vater war Tuchhändler, Schnitzlers Großvater war Tischler, sein Vater bereits erfolgreicher HNO-Arzt.

Der prozentuale Anteil von Juden an Gymnasiasten, Ärzten, Journalisten und Juristen war schnell höher als der anderer Bevölkerungsgruppen. Nicht als Maler, Bildhauer, Architekten und Produktdesigner seien Juden in Erscheinung getreten, von Einzelfällen wie Richard Gerstl und Koloman Moser abgesehen.

Dafür waren sie sehr präsent als Mäzene, gaben – wenn es ihr beruflicher Erfolg ermöglichte – prächtige Stadthäuser unter anderem bei Adolf Loos oder Bilder bei Gustav Klimt in Auftrag, statteten ihre Häuser bei den Wiener Werkstätten aus. Sie gründeten jüdische Sportklubs, Verbände für jüdische Tierfreunde oder Fleischhauer (sprich: Metzger). Auch existierten allein 22 jüdische Burschenschaften.

Während im jüdischen Viertel in der Leopoldstadt die Zeit stehen zu bleiben schien, suchten aufsteigende Familien »eine neue Ästhetik für eine neue Zeit«, wie Blom resümierte. Über die jüdische Herkunft sprach man nicht mehr. Freud habe früh erkannt, dass in Wien die Fassade alles war. Die meisten Häuser seien aus schlichtem Backstein gebaut, doch der bleibe unsichtbar hinter den prächtigen Fassaden.

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