Wenn die Zukunft als Bedrohung gesehen wird, gibt es keine Hoffnung

iv-positionen – April 2019 – Interview mit Philipp Blom

Im Mai startet die lndustriellenvereinigung einen breiten gesellschaftspolitischen Diskurs. Welche Fragen gestellt werden müssen und wie wir unseren Wohlstand sichern können, darüber sprachen die iv-positionen mit dem Historiker Philipp Blom.

Wenn die Zukunft als Bedrohung gesehen wird, gibt es keine Hoffnung
Im Mai startet die lndustriellenvereinigung einen breiten gesellschaftspolitischen Diskurs. Welche Fragen gestellt werden müssen und wie wir unseren Wohlstand sichern können, darüber sprachen die iv-positionen mit dem Historiker Philipp Biom.

ZUR PERSON – Philipp Biom
Der Historiker und Autor von „Was auf dem Spiel steht“, Philipp Biom, ist einer der führenden Denker, wenn es darum geht, die Verwerfungen und  negativen Entwicklungen unserer Zeit zu analysie­ren und mögliche Auswege aus dem geenwärtigen Dilemma aufzuzeigen.

Zum Thema Zukunftsangst haben Sie gesagt: „Wir wollen keine Zukunft mehr. Wir wollen nur, dass die Gegenwart nicht aufhört.“ Was brauchen wir, um der Zukunft zuversichtlich zu begegnen?
Was wir brauchen, ist eine realistische Basis für Hoffnung. Dazu gehört eine Wirtschaft , von der die Menschen das Gefühl haben, dass sie auch noch in einer Generation funktioniert.  Zur Zeit denken viele,  dass es so nicht mehr lange gut gehen  kann. Aber es gibt keine Hoffnung, wenn die Zukunft mehr als Bedrohung als Verheißung gesehen wird. Politisch würde das auch heißen, großzügig denken zu können und keine Feindbilder zu bemühen.

Warum ist ein gesellschaftspolitischer Diskurs notwendig?
Ich halte den Klimawandel für eine der größ­ten Herausforderungen. Wir können ihr nur Herr werden, wenn wir – weltweit – auch wirtschaftliche und soziale Veränderungen einleiten. Und da wir in einer Demokratie le­ben, muss eine kritische Masse von Menschen bereit sein, das mitzutragen. Deswegen brau­chen wir einen breiten Diskurs. Wir müssen wirklich quer durch die Gesellschaft Bewusstsein schaffen, was gerade passiert.

Welchen gesellschaftspolitischen Fragen muss sich unsere Gesellschaft noch stellen?
Wir müssen eine Diskussion darüber anfangen, was eigentlich Menschen das Gefühl gibt, ein erfülltes Leben zu führen. Dazu gehört auch ein Menschenbild, das begreift , dass wir Gemeinschaften und Anerkennung brauchen und nicht nur Individuen sind, die miteinander im Wettbewerb stehen. Unsere Gesellschaft ist Resultat einer unglaublich hohen Zahl von Zufällen – und sie könnte besser sein. Aber das geht nur, wenn Men­schen das Gefühl haben, gehört zu werden, es Teilnahme gibt und einen realistisch en Grund zur Hoffnung.

Wie beurteilen Sie das Spannungsfeld zwischen  Freiheit, Sicherheit und Solidarität?
Wenn sich Menschen sicher fühlen, sind sie bereit, solidarisch zu sein und anderen Freiheit zu gewähren. Gleichzeitig ist Freiheit ohne ein Maß an Sicherheit völlig bedeutungslos. Das heißt, Freiheit braucht Sicherheit und dieses Spannungsfeld erfordert eine ständige Neu­ausverhandlung. Im Moment leben wir in einer Gesellschaft, in der Unsicherheit noch politisch verstärkt wird. Und ängstliche Menschen wol­len die Solidarität auf die Mitglieder der eigenen
Gruppe begrenzen. Auch das ist ein Grund für Zukunftsangst. Wir müssen die Balance wieder verschieben von einem Bedürfnis nach Sicherheit, das die Freiheit anderer ausschließt oder sogar zerstört, hin zu einem solidarische­ren Verständnis in einer Gesellschaft , die auch Unterschiedlichkeit zulässt.

Aus der Sicht eines Historikers – was müssen wir bewahren, damit die Zukunft gelingt und wir unseren Wohlstand sichern können?
Ein gewisser Wohlstand als Basis ist nötig, denn Demokratie kostet Geld. Sie braucht freie Wahlen, ein Parlament , ein Justizsystem. Die Definition von Wohlstand muss sehr breit sein und neben dem finanziellen auch soziales, persönliches und kulturelles Wohl beinhalten.

WEBTIPP
Projekt „überMorgen – der gesell­schaftspolitische Diskurs“: Mit „überMorgen“ diskutiert die IV gesellschattspolitische Zukunftsfragen mit einem breiten Spektrum der Bevölkerung in Österreich. Die erste Diskursveranstaltung in Wien findet am 22. Mai im Haus der Industrie statt . www.uebermorgen.at