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Zerbricht die Demokratie?

Philipp Blom und Jan Philipp Albrecht im Gespräch mit Klaus Pokatzky | Deutschlandfunk | Im Gespräch

Rechtsruck, Brexit, EU-Krise: Auf der Demokratie lastet ein enormer Druck, sagt Philipp Blom. Ob sie überlebe, sei noch nicht entschieden. Philipp Albrecht entgegnet: Die Zivilgesellschaft ist stärker, als wir manchmal denken.

Eigentlich müsste Europa feiern: 60 Jahre Römische Verträge und 25 Jahre Vertrag von Maastricht – beides sind Grundfesten der EU. Doch von Feierlaune ist keine Spur. Der wachsende Rechtsruck und Nationalismus in einigen Mitgliedsstaaten, nicht zuletzt der Brexit, sägen an den Fundamenten der Union. Sollten bei den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich die Rechten an die Macht kommen, sehen nicht wenige die EU gar am Ende.

“Wir gehen auf eine Welt zu, die enorme Veränderungen mit sich bringt”, sagt Philipp Blom, “Klimawandel und Digitalisierung werden unsere Gesellschaft umpflügen.” Der Historiker und Autor beschäftigt sich in seinen Büchern immer wieder mit den Grundfragen der Demokratie und mit Europa. In seinem letzten Buch “Welt aus den Angeln” analysiert er, wie die Kleine Eiszeit im 17. Jahrhundert zunächst die Gesellschaftsstruktur Europas zerstörte – und sich daraus unsere moderne Welt entwickelte. Auch heute drohe sich die Gesellschaft zu spalten, in Gewinner und Verlierer. Auf der Demokratie laste ein enormer Druck.

“Die Demokratie ist ein Experiment”

“Liberale Demokratien hat es nur gegeben in aufstrebenden Wirtschaften.” Damit einhergegangen sei die Versprechung an die nachfolgenden Generationen: Dir wird es einmal besser gehen. Dieses Gefühl schwinde bei vielen. “Das Geschäftsmodell unserer Gesellschaft geht kaputt. Die Demokratie ist ein sehr kurzfristiges Experiment in unserer Welt, ob wir so leben können miteinander. Und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Es ist durchaus möglich, dass irgendwann Geschichtsbücher erscheinen: ‘Das war mal ein Experiment im dekadenten Westen, das hat man dann bald wieder aufgegeben.’ Und es wäre gut, wenn wir dahin nicht kommen.”

“Ich glaube, dass die Komplexität der globalisierten Welt und der Politik auf internationaler Ebene – dass das etwas ist, wovor Leute durchaus zurückschrecken”, sagt Jan Philipp Albrecht, seit 2009 Europaabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen.

“Umso wichtiger ist es, dass Politiker, Organisationen, Vereine und Medien ihnen die Zusammenhänge erklären und sie mitnehmen auf dem Weg.”  Albrecht, 1982 geboren, war seinerzeit der jüngste EU-Parlamentarier. Er setzt auf die Widerstandskraft der Bürger. “Ich glaube, dass die organisierte Zivilgesellschaft stärker ist, als wir manchmal denken; dass – wenn es darauf ankommt – sich zivilgesellschaftliche Kräfte schnell und gut organisieren können.”

Immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt

Er verweist auf die jüngsten Proteste gegen den Rechtsruck der polnischen Regierung, aber auch auf europaweite Bürgerinitiativen, wie den Protest gegen das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA oder die Privatisierung der Wasserversorgung. Aus seiner Arbeit in seinem Hamburger Wahlkreis weiß er aber auch, dass sich immer mehr Menschen abgehängt fühlen.

“Die zwischen 40 bis Mitte 60 haben am meisten daran zu knabbern – und nicht die, die schon über 70 sind und in einer Situation, wo sie noch einmal politisch aktiv werden.”  Aber auch die Jüngeren stünden unter einen immer größer werdenden Druck: “Diese Generationen Y und Z, was die alles machen müssen, um im Leben Fuß zu fassen! Die haben keine Kapazitäten mehr. Und da müssen wir uns als Gesellschaft auch Gedanken darüber machen, ob wir die Jugend nicht auch aus dem Engagement raustreiben – und damit auch viel demokratische Teilhabe kaputtmachen.”

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