Wir zerstören nicht den Planeten, wir zerstören uns selbst

SRF | Leslie Leuenberger

Die Folgen des Klimawandels sind deutlich sichtbar. Doch wir verschliessen die Augen, sagt der Historiker Philipp Blom.

SRF: Klimaforscher rechnen damit, dass sich die Erde bis 2100 um 0,9 bis 5,4 Grad erwärmt. Provokativ gefragt: Wieso ist das schlimm?

Philipp Blom: Es geht nicht bloss darum, dass die Temperaturen ansteigen. Es geht darum, dass sich ganze Wettersysteme verändern. Durch das Abschmelzen der Polarkappen gerät mehr Süsswasser in den Ozean, was ganze Ozeanströme verändert.

Die Folge davon: das Wasser dehnt sich aus, die Wasserspiegel steigen, Gebiete werden überschwemmt. Mit bis 2 Grad mehr kann man vielleicht noch leben, mit 5.4 Grad wird der Homo Sapiens wohl nicht mehr zurechtkommen.

Sprechen wir hier von einer Katastrophe für den Menschen und den Planeten?

Es gibt Biologen, die jetzt schon vom sechsten grossen Artensterben sprechen. Vom Fisch im Ozean bis zum Menschen – die ganze Nahrungskette ist betroffen. Dieses Artensterben wäre eine Katastrophe.

Wir dürfen uns aber als Menschen nicht überschätzen. Wir haben es als erste Spezies in der Erdgeschichte geschafft, in diese Klimasysteme bleibend einzugreifen.

Die Erde wird sich aber von diesem Eingriff wieder prima erholen. Nach ein paar hunderttausend Jahren wird sie wieder gedeihen und blühen und es werden neue Tierformen entstehen. Wir zerstören nicht den Planeten, wir zerstören lediglich uns selbst.

Ihr Buch «Die Welt aus den Angeln» handelt von klimatischen Veränderungen in den Jahren 1570 bis 1700 – der kleinen Eiszeit. Sie beschreiben ihren Einfluss auf die damalige Gesellschaft. Wie wird sich der Klimawandel des 21. Jahrhunderts auf unsere Systeme auswirken?

In Afrika und Asien sind ganze landwirtschaftliche Regionen betroffen. Regionen, die zum einen Millionen von Menschen mit Nahrung versorgen, zum anderen einen gesellschaftlichen Zusammenhalt bieten. Diese Gebiete verschieben sich durch die Klimaveränderung.

Das hat zur Folge, dass ganze Populationen plötzlich vor dem Nichts stehen. Nicht nur die Einnahmequelle und die traditionelle Lebensweise dieser Menschen werden zerstört, auch politische Systeme werden sich umkehren.

Das heisst: mehr Migration, weniger internationale politische Stabilität und vermutlich auch mehr Terrorismus. Die Menschen, die abwandern, werden nicht empfangen und mit Arbeit versorgt. Es sind die Menschen, die leicht radikalisiert werden können.

Die breite Mehrheit der Bevölkerung in industrialisierten Ländern stellt den Klimawandel nicht infrage. Trotzdem verschliessen die meisten von uns die Augen und machen weiter wie bisher.

Wir Menschen reagieren sehr gut auf plötzliche Krisen: bei einem Erdbeben, einer Sturzflut, einem Unfall. Mit einer schleichenden Krise wie dieser ist es für uns wesentlich schwerer umzugehen.

In unseren reichen Ländern sehen wir die unmittelbaren Effekte des Klimawandels noch nicht. Die Tatsache, dass wir uns in einer Notsituation befinden, dringt zu den Menschen in ihrem täglichen Leben nicht durch. Der stärkste Effekt, den wir wahrnehmen, sind die Flüchtlinge.

Dennoch sind kleine Bewegungen spürbar. «Zero Waste», das Vermeiden von Abfall etwa, hat sich zu einem festen Begriff entwickelt. Haben wir als Bürger überhaupt einen Einfluss?

Mit Sicherheit. Wenn die Konsumenten sich von umweltverschmutzenden Technologien abwenden, Plastik vermeiden, nicht mehr übermässig Fleisch konsumieren oder auf nachhaltige Labels achten, dann wird sich der Markt diesen Bedürfnissen anpassen.

Bewegungen wie «Zero Waste» erreichen bis jetzt nur wenige. Die Herausforderung, diese Debatte auszuweiten, ist gigantisch.

Wer muss handeln: Politiker, Unternehmen oder Bürger?

Alle. Jedes Land hat die Politikerinnen, die es verdient. Und dass Politiker nicht so entschieden reagieren, wie das aus einer historischen Perspektive wichtig ist, liegt daran, dass die Wählerinnen und Wähler zu wenig Druck ausüben.

Selbstverständlich müssen auf staatlicher und multilateraler Ebene Massnahmen getroffen werden. Aber es fängt mit uns und unserem Alltag an.

Opfer des Klimawandels sind die zukünftigen Generationen. Liegt darin das Grundproblem?

Ich denke mir: Wäre es nicht wunderbar, wenn Leute unter 30 Jahren eine starke Lobbygruppe gründen würden? Mit dem Ziel darauf zu achten, wie zukunftstauglich unsere Politik ist. Nicht aus einem ideologischen, sondern aus einem biologischen Grund.

Der Physiker Stephen Hawking gibt der Menschheit noch 100 Jahre. Sehen Sie die Zukunft auch so schwarz?

Ich bin kein Prophet. Als Historiker interessiere ich mich für Strukturen, die unter den Ereignissen liegen. Der Klimawandel wird wichtige globale Effekte mit sich tragen.

Ich kann nicht sagen, wie konstruktiv und klug wir auf diese Entwicklungen reagieren werden. Aber dass sie unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten massgeblich prägen werden, daran liegt kein Zweifel.

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