suedkurier

Rendezvous mit der Realität

Der Historiker Philipp Blom hat sich mit den gesellschaftlichen Strömungen der Jahre vor den beiden Weltkriegen beschäftigt. In seiner Beurteilung des Streits zwischen Münkler und Sloterdijk wird er gegenüber Südkurier deutlich.

Südkurier | 22.03.2016

„Warum“, so fragte noch im November ein Autor dieser Zeitung, „kann die literarische Elite über den diffusen Gärprozess in der Gesellschaft nicht reden?“ Die Intellektuellen dieses Landes, hieß es, hätten sich wohl Ludwig Wittgensteins Diktum zu eigen gemacht: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Vier Monate später kann von einem solchen Schweigen keine Rede mehr sein. In immer neuen Interviews und Gastbeiträgen werfen Philosophen, Dichter und Sozialwissenschaftler einander „unbedarftes Dahergerede“ und „primitive Reflexe“ vor.

Los ging es mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, der in der Zeitschrift „Cicero“ die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisierte und den Deutschen insgesamt vorwarf, sie hätten „das Lob der Grenze nicht gelernt“. In einem Essay für die „Zeit“ hielt der Berliner Politologe Herfried Münkler dagegen, lobte statt der Grenzen die nach seiner Ansicht weitsichtige Strategie der Kanzlerin: Merkel habe ihr Land nach dem Motto „Raum gegen Zeit“ klugerweise als eine Art „Überlaufbecken“ zur Verfügung gestellt, wer das nicht erkenne, sei „strategisch unbedarft“.Wenig später setzte sich der so Gescholtene wiederum zur Wehr: Offenbar, so höhnte Sloterdijk, träten bei manchen Diskursteilnehmern pawlowsche Reflexe in Kraft, sobald sie nur Begriffe wie „Grenze“ hören. Er bete dafür, dass es Münklers vermuteten Masterplan tatsächlich gebe, allein ihm fehle der Glaube.

Ohnehin, so ätzte Sloterdijk, unterlägen Politologen wie Münkler der Neigung, Pläne zu vermuten, wo Zufall herrsche: So bögen sich die Bibliotheksregale unter der Fachliteratur, die das Dritte Reich zu erklären versuche – dabei hätte das 20. Jahrhundert ganz anders ausgesehen, wäre Adolf Hitler nur frühzeitig bei einer Wanderung tödlich verunglückt. Was ist aus historischer Sicht von solchen Thesen zu halten?

Der Historiker Philipp Blom hat sich mit den gesellschaftlichen Strömungen der Jahre vor den beiden Weltkriegen beschäftigt. In seiner Beurteilung des Streits zwischen Münkler und Sloterdijk wird er gegenüber dieser Zeitung deutlich: Dass bei einem frühzeitigen Ableben Adolf Hitlers ein „anderes 20. Jahrhundert“ ans Licht gekommen wäre, sei „populistischer Unsinn“. Das Dritte Reich sei nicht personell, sondern strukturell bedingt gewesen. Es als Produkt eines einzelnen „dämonischen Genies“ zu beschreiben, bedeute deshalb eine unerträgliche Verharmlosung. Sloterdijk, kritisiert Blom, wolle offenbar „Vordenker der AfD“ werden und publiziere deshalb „pseudo-heideggersches Geschwurbel“: „Vielleicht muss man ihm zugutehalten, dass er senil wird.“

So ungerechtfertigt in Bloms Augen Sloterdijks Relativierung des Nationalsozialismus erscheint, so wenig lässt er die verbreitete These gelten, im aktuellen Rechtsruck wiederhole sich die Geschichte. Denn anders als in den Dreißigerjahren gehe es den Wählern heute keineswegs ums nackte Überleben, sondern im Gegenteil um den Erhalt ihrer „unglaublichen Privilegien“: „Wir Deutschen leben seit langer Zeit auf Kosten anderer Menschen, etwa jener Kinder in Afrika, die für ihre Computer seltene Metalle aus dem Boden holen.“

Die Flüchtlingskrise interpretiert der Historiker als Folge dieses Lebensstils, den Zulauf für eine radikale Partei aber als Versuch, das Ende des Wohlstandswachstums hinauszuzögern. Klüger, sagt er, wäre zwar die frühzeitige Einsicht der Bevölkerung ins Unausweichliche. Dafür aber sei der Leidensdruck wohl noch nicht groß genug. Fragt sich nur, ob diese Abwehr des ökonomischen Niedergangs zwingend mit völkischen Parolen einhergehen muss – ungeachtet der Lehren aus deutscher Geschichte.

Doch aus dieser zu lernen, fällt dem Menschen offenbar schwerer als angenommen. Was von außen wie eine historische Lehre erscheint, ist für Blom nur die Reaktion auf ein gesellschaftliches Trauma. „Ein Trauma wie der Zweite Weltkrieg hält etwa zwei Generationen an. Die haben wir jetzt hinter uns.“ Und so war es wohl absehbar, dass rechtskonservative Sprachmuster hierzulande auch unter Geistesmenschen wieder salonfähig werden: Vor Sloterdijk hat bereits der Dichter Botho Strauß eine „Flutung des Landes mit Fremden“ beklagt.

Was also ist zu tun für eine Bundesregierung, die innen dem Druck einer auf Vermögenssicherung bedachten Bevölkerung ausgesetzt ist, außen aber den Folgen gerade dieser auf Wachstum und Wohlstand ausgerichteten Politik? Sie habe die Aufgabe, sagt Blom, „schmerzhafte Kompromisse“ zu ziehen und aus vielen schlechten Optionen, die am wenigsten schlechten zu wählen. Europa sei am Ende der Nachkriegszeit angelangt: „Jetzt tritt die bittere Realität wieder in unseren Alltag.“ Vor der Wirklichkeit schützen keine Grenzen.