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Politik hat sich von Idee der Zukunftsgestaltung verabschiedet

Was können wir aus der turbulenten Geschichte der “Kleinen Eiszeit” für das politische Leben von heute lernen? Diese Frage beantwortet der renommierte Wiener Zeithistoriker Philipp Blom (“Der taumelnde Kontinent”) ab 19 Uhr im Medien Kultur Haus Wels.

OÖNachrichten: Ihr Eröffnungsvortrag trägt den Titel “Das Eiserne Zeitalter” und beschäftigt sich mit den gesellschaftspolitischen Auswirkungen der “Kleinen Eiszeit” von 1570 bis 1650. Warum bitte, sollte uns das im Jahr 2016 interessieren?

Philipp Blom: Sich die “Kleine Eiszeit” anzusehen, ist ein faszinierendes historisches Experiment. Was passiert, wenn man eine Gesellschaft nimmt und die natürlichen Umstände verändert? Zum Beispiel die Temperatur um zwei Grad senkt. Was blüht dadurch, was vertrocknet? Wir befinden uns mitten in solch einem Prozess des Klimawandels. Auch wenn dieser, im Gegensatz zu damals, von uns Menschen selbst verursacht ist. Im 17. Jahrhundert war der Temperaturabfall extrem, vier bis fünf Grad. Das änderte einfach alles.

Inwiefern?

Die Landwirtschaft war extrem betroffen. Diese war noch sehr ineffizient, basierte quasi nur auf Getreide. In einer spätfeudalen Gesellschaft hängt die Landwirtschaft sehr stark mit der Herrschaft zusammen. Die Bauern leben vom Land, die Adligen von den Bauern. Ein ganzes politisches, soziales und kulturelles System wurde durch kollabierende Ernten massiv aus der Balance gebracht.

Wie hat sich Europa aus dieser Krise gerettet?

Europa hat etwas Neues erschaffen, die Welt des Kapitalismus. Neben dem Handel setzte man verstärkt auf die Geldwirtschaft. Vor allem erfand man ein neues gesellschaftliches Modell: Wirtschaftswachstum, das auf Ausbeutung beruht. Ausbeutung gab es zwar schon immer, aber vor dem 16. Jahrhundert war Wirtschaftswachstum als gesellschaftliches Ziel unbekannt. Die Leute wollten zwar reicher werden, aber einen Staat zu betreiben, um die Wirtschaft anzukurbeln, das war neu. Die Ausbeutung von Mensch und Natur war das Rezept, mit dem sich Europa aus der Krise gerettet hat. Die Lösung des 17. Jahrhunderts stürzt uns heute in die Krise.

Was ist die Ursache?

Kein moderner Staat glaubt, dass er erfolgreich ohne Wirtschaftswachstum sein kann. Das ist aber ein System ohne Zukunft. Es gibt nicht mehr genug zum Ausbeuten, weder bei den Menschen noch in der Natur. Wenn sich, wie im Moment, das Klima wandelt, heißt das ja nicht, dass es im Sommer halt ein bisschen wärmer wird. Dieser Raubbau an der Natur und den sozialen Strukturen zieht massive Umwälzungen nach sich. Die Migrationsströme sind die nachdrücklichsten Beispiele. Es ist notwendig, die Frage nach unserer Zukunft, nach der Berechtigung für unsere Existenz zu stellen.

Wer wird den Mut zur großen Idee aufbringen? Die Politik?

Die Politik hat sich von jeder Idee der Zukunftsgestaltung verabschiedet und ist nur noch dabei, die Gegenwart irgendwie zu verwalten. Initiativen können nur von außerhalb des bestehenden Systems kommen. Die Frage ist: Wann ist der Leidensdruck hoch genug? Und: Ist unser Handlungsspielraum dann noch ausreichend? Im Moment scheint es nicht, als wollten wir unsere Chance nutzen.
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