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Mehr als Wetter! Philipp Blom über Klimawandel

Philipp Blom im Gespräch mit Claudia Dichter |  WDR 5 Scala

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Gesellschaft aus? Philipp Blom geht dieser Frage in seinem aktuellen Buch “Die Welt aus den Angeln” anhand der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 nach.

WDR 3: Herr Blom, wie Sie in Ihrem Buch aufzeigen, war die Kleine Eiszeit von 1570 bis 1700 eine Klimakatastrophe von gewaltigen Auswirkungen. Was bedeutete das genau?

Philipp Blom: Im späten 16. Jahrhundert wurde es relativ plötzlich um zwei, drei Grad kälter – sicherlich in Europa, wo wir das dank vieler wissenschaftlicher und kultureller Daten besonders gut wissen – sehr wahrscheinlich aber auch auf der ganzen Welt. Plötzlich war die Lagune in Venedig bis in den April zugefroren und auf der Themse konnte man im Winter Jahrmärkte abhalten.

WDR 3: Wie haben die Menschen auf diesen Klimawandel reagiert?

Philipp Blom: Neben Hungersnot und Krankheit gab es auch Rebellionen, weil das Korn teurer wurde und der Brotpreis stieg. Die erste Reaktion am Ende des 16. Jahrhunderts war aber erstmal religiös. Die Menschen haben gedacht: Wir haben den Herrn erzürnt und der schickt uns jetzt seine Strafe. Sie haben Bußprozessionen abgehalten, sind mit Reliquien auf Gletscher gestiegen, die drohten, Dörfer zu vernichten; und sie haben Hexen verbrannt, die das Wetter verhext haben sollten.
Später kamen dann andere Reaktionen, die interessanter sind, weil sie Änderungen bringen.

WDR 3: Welche?

Philipp Blom: In der Landwirtschaft etwa. Da wurde über Jahrtausende eigentlich nur Getreide angebaut. Kartoffeln gab es in Europa eigentlich nur in botanischen Gärten, weil sie so schön blühten. Im Zuge der Katastrophen begannen Botaniker damit, über einen effizienteren Anbau nachzudenken. Das wurde dann empirisch erforscht, in Büchern festgehalten, über Europa verbreitet und von Gutsverwaltern umgesetzt. Das war in Europa die erste Krise, die durch Wissenschaftler gelöst wurde.

WDR 3:  Diese Klimakatastrophe hat also eigentlich einen wahnsinnigen intellektuellen Fortschritt bedeutet?

Philipp Blom: Man kann nicht direkt sagen, dass es die wissenschaftliche Revolution gegeben hat, weil die Kleine Eiszeit da war. Aber das war sicherlich eine Antwort darauf.

Man sieht das sehr gut am Beispiel von Amsterdam. Das war im 16. Jahrhundert eine kleine, unbedeutende, nicht gerade wohlhabende Stadt. Dann kommt Amsterdam auf die Idee, aus dem Baltikum Getreide zu importieren und nach Europa weiter zu verkaufen – und das zu einer Zeit, wo viele Gebiete in Europa dieses Getreide brauchen, weil ihr lokaler Anbau versagt.

Wenn man aber Handelt treibt mit Menschen, dann braucht man eine pragmatische Toleranz, egal, was der Handelspartner denkt, solange er sein Wort hält und zahlt. So wird Amsterdam ein Zentrum von Emigranten, von Fremden. Und nebenan, in der kleinen Stadt Leiden, entsteht eine Universität, wo man nicht mehr auf die Bibel schwören muss, um studieren zu können, wo also Menschen mit ganz unterschiedlichen Gedankenwelten miteinander arbeiten und diskutieren können.

Amsterdam wird die reichste Stadt Europas, die Niederlande zur Welt- und Seemacht. Und in Spanien, das Reich, in dem die Sonne niemals untergeht, das seine Strukturen überhaupt nicht ändert, nicht in Bildung investiert und alles Neue bekämpft. In Spanien beginnt der Niedergang, der immer noch nicht überwunden ist.

WDR 3: Migranten, Toleranz und natürlich der Klimawandel: klingt nach heute. Damals konnten die Menschen das noch nicht in einen globalen Zusammenhang setzen. Wir heute können das sehr wohl. Warum tun wir so ahnungslos, als wären wir im Mittelalter?

Philipp Blom: Weil es uns noch gut geht, glaube ich. Und vergessen Sie nicht: Man hat uns 30 Jahre lang eingebläut, dass wir keine Bürger, sondern Konsumenten und Verbraucher sind, dass unser Wert darin liegt, dass wir etwas kaufen können. Da ist es etwas schwierig zu sagen: Jetzt müssen wir aber aufhören zu konsumieren und ganz andere Dinge tun.

Im Übrigen hängt der Erfolg unserer Gesellschaften ja von einem Wirtschaftswachstum ab, das auf Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und von Menschen beruht. Das ist auch eine Idee, die im 17. Jahrhundert als Antwort auf diese Krise erfunden wurde. Dieses Rezept haben wir noch immer nicht aufgegeben. Und wir haben es an seine Grenzen geführt.

Wir leben in einer globalen Welt. Das macht uns zu Komplizen, zum Teil des Problems. Es kann uns aber auch zum Teil der Lösung machen. Das hängt davon ab, ob jeder in den ganz kleinen alltäglichen Entscheidungen Verantwortung übernimmt. Dass wir etwa von Firmen fordern, dass sie nachhaltig produzieren – und dass wir halt ihre Sachen nicht kaufen, wenn sie das nicht tun.

WDR 3: Hoffen Sie etwas mit Ihrem Buch zu bewirken?

Philipp Blom: Erstens ist es einfach eine faszinierende Geschichte: Zu sehen, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn sich das Klima ändert. Und manchmal hat man das Gefühl, dass man den Mund aufmachen muss, auch wenn das die Welt nicht retten wird. Man kann aber nicht einfach nur dasitzen und Däumchen drehen.

Das Gespräch führte Claudia Dichter in WDR 5 Scala.

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