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Auf den Spuren der Klimaveränderung

In „Die Welt aus den Angeln“ begibt sich der deutsche Schriftsteller und Historiker Philipp Blom auf die Spuren einer historischen Klimaveränderung: „Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart“ lautet der ausführliche Untertitel. Dahinter verbirgt sich nicht nur Klimageschichte, sondern das Panorama einer ganzen Epoche.

Männer mit Straußenfedern auf dem Hut, Frauen mit Spitzenhauben, Herrschaften beim Betteln oder mit dem Eishockeyschläger in der Hand, auf Schlittschuhen oder Pferdewagen – Hendrick Avercamps Gemälde „Winterlandschaft“ von etwa 1608 zeigt das wimmelnde Leben, versammelt auf den zugefrorenen Grachten Amsterdams.

Ein Gemälde als Allegorie: Die Kleine Eiszeit, die in der Zeitspanne von etwa 1550 bis 1850 Europa heimsuchte, traf alle Menschen, egal ob reich oder arm, jung oder alt. Avercamp war übrigens nicht der Einzige, der sie in Bildern verewigte – die Museen sind heute voll mit Winterlandschaften und Eislaufsujets aus der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, als berühmtestes Bild gilt Pieter Bruegels „Die Jäger im Schnee“.

Verregnete Sommer, extreme Dürren
Idyllisch, wie die Niederländer das gesellschaftliche Treiben darstellten, war es jedoch selten. Wie Blom in seinem Buch zeigt, brachte die Abkühlung um durchschnittlich zwei Grad nicht nur mehr Kälte, sondern wirbelte auch die Strömungen der Ozeane und die klimatischen Kreisläufe durcheinander, was dazu führte, dass Europa von extremen Klimaereignissen heimgesucht wurde.

1569 war die Lagune von Venedig bis in den März hinein zugefroren. In Amsterdam kam es 1574 durch einen Sturm zum Dammbruch und damit zu einem abrupten Anstieg des Wasserspiegels, sodass man, wie ein Zeitzeuge berichtete, „von einem Haus zum anderen mit dem Boot fahren konnte“. In England wiederum führte die Dürre 1666 zum „Great Fire of London“. Durch einen kleinen Brand, der sich rasch über das trockene Gebälk der Fachwerkshäuser ausdehnte, gingen letztlich 13.000 Gebäude in Flammen auf.

Am umfassendsten und einschneidendsten waren jedoch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft: Kurze und verregnete Sommer führten periodisch zu katastrophalen Missernten in der Getreide- und Weinproduktion, vor allem in den Gesellschaften der Alpenregionen und der nördlichen Teile Europas. In Russland starben zwischen 1601 und 1603 ca. drei Millionen Menschen an Hunger und Seuchen, ausgelöst durch Ernteengpässe.

Rätselhafte Ursachen
Was dazu führte, dass die Natur derart aus den Fugen geriet, ist bis heute rätselhaft geblieben: Man glaubt, dass Abweichungen in der Erdachsenrotation und eine verminderte Sonnenaktivität eine Rolle spielten. Wirklich nachweisen kann man beides aber erst für das späte 17. Jahrhundert. Und die steigende Anzahl an Vulkanausbrüchen, die durch den aufgewirbelten Staub zu einer geringeren Sonneneinstrahlung beitrugen, erklärt nur besonders extreme, kurzfristigere Temperatureinbrüche.

Mit Sicherheit weiß man jedoch, dass die extremen Klimaereignisse nicht nur Leid, Hunger und Tod mit sich brachten, sondern auch die Menschheit für immer veränderten: „Die Welt aus den Angeln“ galt auch für die soziale Ordnung und das Wirtschaftssystem. Die Missernten kurbelten den Handel stark an und führten etwa zur Abschaffung der gemeinschaftlich geführten Allmenden und Umstellung auf weniger riskante Viehwirtschaft.

Diese Neuordnung der Landwirtschaft wiederum befeuerte – ebenso wie die Hungersnöte – Aufstände und soziale Unruhen, die ihrerseits die politischen Verhältnisse destabilisierten. Und sie zwang Hunderttausende Bauern dazu, in die Städte zu flüchten, wo sie mit der Schrift und neuen Ideen in Kontakt kamen.

Vom Feudalismus zum Kapitalismus
Blom interessiert sich für diese Periode, weil, wie er im Interview mit ORF.at erklärt, „sie den Anfang der Aufklärung, den großen Zivilisationsumbruch von einem feudalen zu einem kapitalistischen Europa markiert“. Aus den Lehren der damaligen Entwicklung lassen sich laut Blom durchaus Schlüsse für die Gegenwart ziehen: „Wenn man daraus eine Schlussfolgerung ziehen kann, dann ist es die, dass auch die Mächtigsten nicht überleben können, wenn sie in Zeiten des Strukturwandels an ihren Strukturen festhalten.“

Während der Kleinen Eiszeit, so zeigt Blom auf, verschoben sich Europas Kräfteverhältnisse. Die ursprüngliche Weltmacht Spanien versank in Inflation und Chaos, die Niederlande hingegen, die schon früh den Handel für sich entdeckten, entwickelten sich von einem Land von Heringsfischern und Bauern zu einer der mächtigsten Seemächte der Welt – und zu einem Zentrum der kulturellen Innovation.

So klug wie vor 400 Jahren
Trotz der oft etwas lose aneinandergereihten Erzählungen ist es das Verdienst von Bloms Buchs, die Klimaveränderung als Katalysator des sozialen Wandels herauszuarbeiten. Simple Übertragungen auf heute seien, so Blom, aber nicht angebracht. „Tatsache ist, dass der Klimawandel in einer globalisierten Welt auch ganz andere globalisierte Auswirkungen hat.“ Vergleichbar sei lediglich, so lautet sein pessimistisches Resümee, dass wir, „trotzdem wir die erste Generation der Menschheit sind, die eine relativ gute Vorstellung von den Konsequenzen ihres Handelns hat, nicht viel dagegen tun. Leider zeigt sich da, dass wir genauso klug wie die Menschen im 17. Jahrhundert sind.“

Paula Pfoser, für ORF.at

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